Es ist soweit, die WM geht wieder los. Finde ich persönlich eigentlich nicht schlimm, ich schaue gerne und häufig Fußball. Das Tolle an einem Turnier: Mensch kann sich die Spiele anschauen, ohne persönlich betroffen zu sein. Zumindest ich persönlich. Natürlich habe ich meine Lieblinge und würde mich persönlich etwas freuen, wenn England oder Argentinien Weltmeister wird, wenn nicht ist es mir aber auch völlig egal. Hauptsache tolle Spiele. Damit wird auch klar: Mir ist das Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft komplett egal. Ob die Mannschaft in der Vorrunde ausscheidet oder das Finale gewinnt, peng. Nein, um ehrlich zu sein, ein frühes Ausscheiden wäre das Beste, und zwar aus folgendem Grund: Der alle 2 Jahre wiederkehrende und insbesondere seit 2006 wiedererstarkte Nationalstolz.
Ich möchte mich nicht sehr über die Menschen auslassen, die sich komischerweise alle 2 Jahre in ihrem Deutschlandtrikot vor die Bildschirme setzen, als Experten auftreten und bei einem Ausscheiden das Weltende heraufbeschwören. Der regelmäßige Leser wird diese Einstellung und Meinung eh teilen.
Aus politischer Sicht – die Einstellung der Schreiber des Blogs sollte ja ein offenes Geheimnis sein – stößt mir der Nationalstolz aber sehr sauer auf. Zuerst allgemein: Wie kann mensch bitte stolz auf sein Land sein? Wenn die Kriegs- und möglicherweise Nachkriegsgeneration das gesagt hat, nun ja, kann ich nicht teilen, aber noch etwas nachvollziehen. Immerhin eine Generation, die wirklich dieses Land wiederaufgebaut hat (Dafür haben so einige 43 noch alles Goebbels im Sportpalast zugejubelt. Andere Geschichte.). Aber unsere Generation hat keinen Grund, auf ein Land stolz zu sein. Es ist ein abstraktes, konstruiertes Gebilde, für das mensch nichts geleistet hat. Stolz hat immer etwas mit der eigenen Leistung zu tun. Ich kann in der Uni stolz auf meine Leistung sein. Beim Sport. Aber auf ein Gebilde wie eine Nation bzw. der Nationalstaat? Kompletter Unsinn.
Dann insbesondere auf Deutschland. Es liegt mir komplett fern, auf dieses Land stolz zu sein und die Farben am Auto oder Körper (in welcher Form auch immer) durch die Gegend zu tragen. Die Gründe sind vielfältig und teils komplex. Das fängt bei der Geschichte an und hört bei den derzeitigen Gegebenheit auf. Deutschland ist definitiv kein Grund zu feiern! Dazu sollte mensch sich nur folgendes Bild vor Augen halten: Besoffene, gröhlende Deutsche mit einem Hang zum Antisemitismus und Rassismus, sei es auf irgendwelchen Public Viewing Veranstaltungen oder am Strand vom Ballermann. Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass das bei anderen “Nationen” nicht ebenfalls vorkommt, aber aufgrund der deutschen Vergangenheit nimmt mensch hier eine besondere Rolle ein.
Ferner sollte mensch sich fragen, ob und wo der Nationalstolz aufhört. Selbstverständlich ist nicht von heute auf morgen jeder Stolz auf sein Land, meiner Auffassung nach hat sich in den Köpfen der Menschen aber verfestigt, dass mensch ja problemlos wieder stolz auf sein Land sein kann und darf. Das ist aber komplett falsch! Nationalstolz hat immer etwas mit Chauvinismus zu tun. Das wird ja gerade bei einem Länderturnier besonders deutlich.
Abschließend ein passendes Zitat von Arthur Schopenhauer: „Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.“
Venceremos!
schrieb diesen Beitrag am 9. Juni 2010 um 15:59 Uhr, inhaltlich geht es um Fußball, Politik. Schlagwörter? Ja, nämlich: Deutschland, Nation, Nationalstolz. Falls Du was dazu zu sagen hast, schreib einfach einen Kommentar. Die Diskussion kann über einen RSS-Feed verfolgt werden.
Ein an sich richtiger Beitrag, jedoch will ich dem Punkt widersprechen, dass Nationalstolz der Nachkriegs- und sog. “Erlebnisgeneration” nachvollziehbar ist, bzw. nachvollziehbarer als der heutige Nationalismus. Und zwar aus folgenden Gründen: Am Ende des zweiten Weltkriegs lag das Deutsche Reich militärisch geschlagen, wirtschaftlich und sozial zerschlagen dar. Was daraus folgte ist klar: Besatzung und später die Neugründung zweier deutscher Staaten, welche jedoch Zeit ihres parallelen Bestehens nie eine Souveränität entwickeln konnten und immer vom Gutdünken der starken Verbündeten abhängig war.
Nun gab es jedoch ziemlich früh schon wieder einen gewissen Stolz – und zwar auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. In der DDR aufgrund des geläuterten Gewissens (“Wir haben keine Nazis mehr, die sind alle drüben und sowieso – es geht alles seinen sozialistischen Gang.”) in der BRD aufgrund des Gefühls wieder “wer zu sein” (Ich sag mal als Schlagworte WM 1954 und Wirtschafts”wunder”) – was ihr ja auch schreibt.
Jedoch war die bloße Existenz eines anderen “deutschen” Staates auf deutschem Boden ein stetiger Stich in die deutsche Volksseele – hauptsächlich, so würde ich behaupten – auf dieser Seite des Zauns. Von daher – also trotz mangelnder Souveränität, trotz Teilung- erschließt sich mir der Gedankengang nicht, dass der Nationalstolz damals verständlicher wäre als heute. Gewiss gab es Dinge, auf welche die Menschen damals trotz allem Stolz sein konnten. Die Arbeit, welche der Stahl- oder Bergarbeiter täglich verrichtete oder den Wohnungsbau tausender “Trümmerfrauen” (wobei das wieder andere Scheißgeschichten sind – ich sag nur Lohnarbeit und Geschlechterrollen). Aber dass sich das damals schon als Nationalstolz äußerte ist von heutiger Warte aus betrachtet Krass.
1990 dann die Wiedervereinigung. Jetzt sind die deutschen endlich wieder vereint und wirklich wieder wer und der bisher nur verhohlen gezeigte Nationalismus brach sich Bahnen. Zunächst auf den Wiedervereinigungsparties und jetzt immer stärker zu beobachten bei großen internationalen Turnieren. Dieser Nationalstolz scheint aufgrund des guten Gewissens welches er seinen Anhänger*Innen beschert (“Endlich Deutschland – einig Vaterland… Und zwei Diktaturen haben wir auch noch überwunden!”) sehr unbeschwert und ist gerade deshalb sehr nachvollziehbar. Die Imaginierung eines kleinen perönlichen und doch kollektiven Glücksmomentes für die Volksseele. Und gerade das ist es was ihn so gefährlich macht.
Nie wieder Deutschland!
[...] aus Gedanken heraus, die sich bei Diskussionen mit Freund*Innen ergaben. Inspirierend wirkte dieser Beitrag des Ultráblogs Tupamados. [...]
Ja, du hast recht, ich habe meinen Gedanken nicht richtig ausformuliert/zu Ende gedacht.
“Gewiss gab es Dinge, auf welche die Menschen damals trotz allem Stolz sein konnten. Die Arbeit, welche der Stahl- oder Bergarbeiter täglich verrichtete oder den Wohnungsbau tausender “Trümmerfrauen” (wobei das wieder andere Scheißgeschichten sind – ich sag nur Lohnarbeit und Geschlechterrollen). Aber dass sich das damals schon als Nationalstolz äußerte ist von heutiger Warte aus betrachtet Krass.”
ist im Grunde das, was ich mit
“Wenn die Kriegs- und möglicherweise Nachkriegsgeneration das gesagt hat, nun ja, kann ich nicht teilen, aber noch etwas nachvollziehen. Immerhin eine Generation, die wirklich dieses Land wiederaufgebaut hat” aussagen wollte.
Ohne Frage ist Nationalstolz fragwürdig bis falsch, es ging mir in dem Kontext aber um den Stolz an sich, und das hat was mit – meiner Meinung nach – eigener Leistung zu tun. Dies sollte sich aber natürlich auch nicht im Nationalstolz wiederspiegeln.
Mit deinem letzten Absatz hast du komplett recht, kann und muss mensch so unterschreiben. Sobald solche Themen nicht kritisch hinterfragt werden und offenkundig gelebt werd, wird die Tür für “schlimmeres” (keine Ahnung welcher Art, kann mensch sich ja aber schnell ausmalen) geöffnet.
Du wünscht ENGLAND in SÜDAFRIKA den WM-Titel?
http://de.wikipedia.org/wiki/Apartheid
Deutschland ist scheiße, das macht andere Verbrecherstaaten aber nicht sympatischer.
Wikipedia ist keine Quelle!